"Die Milchwirtschaft hat ihr Versprechen nicht gehalten und führt die Verbraucher weiter an der Nase herum", so Gerd Billen, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv) bei der Vorstellung des Marktchecks in Berlin. Die Verbraucher hätten ein Anrecht darauf zu erfahren, welche Art von Milch sie kaufen.
Die Verbraucherzentrale Berlin sieht nicht nur die Selbstverpflichtung von Milchindustrie-Verband e.V. (MIV) und Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) als gescheitert an, sondern fordert eine andere verpflichtende Kennzeichnung: "Frischmilch", so Christoph Römer von der Verbraucherzentrale Berlin "sollte sich nach unserer Auffassung nur die traditionell hergestellte Milch nennen dürfen, nicht jedoch die ESL-Milch!" Bei dem Marktcheck war in Berlin in 7 aufgesuchten Geschäften nur eine einzige Marke mit dem Aufdruck "traditionell hergestellt" gefunden worden.
Traditionelle Frischmilch kaum mehr zu finden
Die im Zeitraum 13.06. bis 25.06.2009 durchgeführte Stichprobe der Verbraucherzentralen umfasste 660 Milchpackungen bzw. -flaschen. Sie ergab, dass von den 660 Proben nur rund 240 richtig gekennzeichnet waren, 202 mit dem Zusatz "länger haltbar" und 40 mit "traditionell hergestellt". Oft sind die Produkte stattdessen irreführend mit "extra lange frisch", "länger frisch" oder "maxi frisch" bezeichnet und suggerieren eine besondere Frische. Immer noch findet sich – auch bei Marken- und Bioprodukten – ESL-Milch ohne irgendeinen Hinweis auf die längere Haltbarkeit. In gut einem Drittel der Geschäfte (29 von 80) war überhaupt keine herkömmliche Frischmilch mehr erhältlich. Clara Meynen, Referentin für Ernährungsverhalten und Prävention im vzbv: "Der Verbraucher hat Anspruch auf Wahlfreiheit. Echte Frischmilch muss flächendeckend im Handel erhältlich und als solche gekennzeichnet sein."
Milch, Käse, Schinken: Schleichende Veränderungen und Täuschungen
Die mangelhafte Umsetzung der Milchkennzeichnung ist für den Verbraucherzentrale ein weiterer Beleg zunehmend schleichender Veränderungen und Täuschungen in der Produktion und Verarbeitung von Lebensmitteln. In den zurückliegenden Wochen hatten Schinken- und Käseimitate erneut für öffentliches Aufsehen gesorgt. Die Verbraucherzentrale Hamburg veröffentlichte vergangenes Wochenende eine Liste mit Lebensmitteln, bei denen Anschein und Sein auseinander klaffen.
Effektivere Kontrollen, Auskunftspflichten
Um dies sicherzustellen fordert der Verbraucherzentrale Bundesverband von Bund und Ländern eine effektive Lebensmittelkontrolle und mehr Informationspflichten der Behörden. Gerd Billen: "Die Zahl der Kontrollen muss aufgestockt und die Ergebnisse der Kontrollen mit Ross und Reiter an die Öffentlichkeit." Im Rahmen der anstehenden Überarbeitung des Verbraucherinformationsgesetzes müssen Behörden verpflichtet werden, die Kontrollergebnisse öffentlich zu machen. Darüber hinaus müssten Anbieter, die mit besonderen Qualitäten werben die zur Überprüfung ihrer Werbeaussagen notwendigen Informationen zur Verfügung stellen. Lebensmittelindustrie und Handel fordert der Verbraucherzentrale auf, sich von Tricksereien und Verbrauchertäuschungen zu verabschieden und den Kunden durch klare Kennzeichnungen die Wahlfreiheit zu erleichtern.
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